Parteienbühne: Mehr Lehre wagen
In letzter Zeit berichten mir Studierende vermehrt, dass sich der Berufseinstieg nach dem Studium schwieriger gestaltet als früher. Wie viele Medien berichten, scheint da was dran zu sein: Gemäss dem Schweizerischen Arbeitgeberverband ist seit 2010 die Zahl arbeitsloser Masterabsolventen um 70 Prozent gestiegen, während sie bei Personen mit beruflicher Grundbildung um 40 Prozent gesunken ist.
In Verbindung mit dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel stellt sich folglich die Frage: Entfernt sich das, wozu sich Studierende ausbilden lassen, zunehmend von dem, was der Arbeitsmarkt tatsäch lich nachfragt? Als Ursache für die oben beschriebenen Zahlen wird neben der aktuellen Konjun turlage der Umstand be nannt, dass heute deutlich mehr Leute eine tertiäre Ausbildung absolvieren als früher. In Verbindung mit dem technologischen Wandel scheint dies in einigen akademischen Berufsfeldern zu zunehmender Konkurrenz um verfügbare Stellen zu führen. Und wie es mit der Technologie häufig der Fall ist, wird dies kaum weniger werden. Bestimmte Fähigkei ten, die früher Spezialwissen voraussetzten – etwa das Verfassen komplexer Texte – werden durch KI zunehmend breiter verfügbar. Bildung verliert dadurch nicht an Bedeutung. Umso wichtiger wird jedoch die Frage, welche Kompetenzen künftig beson ders gefragt sein werden und wie wir junge Menschen darauf vorbereiten.
Liechtenstein kann in der Bildungspolitik aufgrund der engen Verflechtung mit der Schweiz zwar nur begrenzt eigenständige Reformen umsetzen. Im Kleinen könnte aber die Berufslehre insbesondere in handwerklichen und sozialen Berufen noch gezielter gestärkt und attraktiver gemacht werden. Vertreter dieser Berufe noch stärker in den Schulalltag und Projekte einzubinden, wäre ein möglicher Ansatz. Auch die gymnasiale Maturitätsquote darf diesbezüglich ergebnisoffen diskutiert werden, welche Höhe sinnvoll und erforderlich ist. Sie liegt z. B. im benachbarten Kanton St. Gallen bei gut 16 Prozent, bei uns etwas über 30 Prozent. Ein gesellschaftlicher Druckabbau, bei dem der akademische Bildungsweg nicht als einzig erstrebens- werte Option betrachtet wird, könnte ebenfalls helfen. Berufsleute in Handwerk oder Pflege leisten nämlich genauso ihren Beitrag für die Gesellschaft.
Die Herausforderung wird deshalb sein, die Kluft zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt mit geeigneten Massnahmen klein zu halten. Je früher wir ein Bewusstsein für diese tendenziell steigende Herausforderung schaffen und eine ernsthafte Diskussion darüber führen, desto besser.
Juni 2026, Yannick Ritter Präsident der Jugendunion (VU), GR Mauren-Schaanwald