LIEWO-Frage der Woche: Was halten Sie vom Postulat der Freien Liste?
«Sozialpolitik mit Augenmass braucht mehr als einfache Antworten»
Das Postulat der Freien Liste trifft grundsätzlich einen wunden Punkt. Unser komplexes Sozialversicherungssystem orientiert sich noch immer an klassischen Erwerbsbiografien, obwohl sich die Lebensrealitäten vieler Menschen verändert haben.
Wer Kinder erzieht, Angehörige pflegt, Teilzeit arbeitet oder unternehmerische Risiken trägt, läuft eher Gefahr, später Lücken in der Vorsorge zu haben. Im Kern geht es um das Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung, Solidarität und der finanziellen Tragfähigkeit unserer Sozial-
werke. Gerade deshalb wäre es falsch, das Postulat vorschnell zu beurteilen. Es geht auch um Schwachstellen, etwa bei Übergängen zwischen Krankentaggeld und IV Entscheiden oder bei Annahmen, die nur bedingt zur Realität des Arbeitsmarktes passen.
Bereits 2019 wurde mit unserer Motion zur Stärkung der Familien- und Erziehungsarbeit anerkannt, dass Care-Arbeit und unterbrochene Erwerbsverläufe strukturelle Schwächen in der Altersvorsorge mit sich bringen. Auch das VU-Hospiz-Postulat hat konkrete Lücken aufgezeigt. Kosten für einen Heim aufenthalt in der Schweiz können bereits über das Amt für Soziale Dienste teilweise aufgefangen werden, doch eine Voranmeldung ist in der Praxis oft kaum möglich. Der damalige Gesellschaftsminis ter Manuel Frick hat hier Nachbesserungen
zugesagt.
Entscheidend ist ein nüchterner Blick auf die Realität. Es gilt zu klären, wo tatsächliche Lücken bestehen, wen sie betreffen und wo igenverantwortung zentral bleibt.
Gute Sozialpolitik schützt vor Risiken, ohne jede Lebensentscheidung kollektiv abzusichern. Zwischen sozialer Kälte und Vollkaskomentalität liegt jener Weg, der unsere Gesellschaft langfristig stabilisiert, Zukunft sichert und verlässlich bleibt.
Mai 2026, Mario Wohlwend Stv. Landtagsabgeordneter der Vaterländischen Union (VU)