Frage der Woche: Mehr Krankheitstage: Müssen Massnahmen ergriffen werden?
Die Diskussion um die Frage von Krankenständen und deren Hintergründe und der «Ruf» nach Massnahmen ist nachvollziehbar – gleichwohl ärgert sie mich.
Es ärgert mich, dass zunehmend berufsgruppenspezifische Faktoren identifiziert sein wollen. Sei es bei Pflegefachkräften, sei es bei Lehrpersonen und vielen anderen Berufsgruppen aus dem Dienstleistungssektor, die alle als Schwerpunkt ihres Tuns mit Menschen arbeiten. Berufsverbände entwickeln hier zuweilen einen beeindruckenden Aktionismus und Alarmismus.
Grundsätzlich gilt: Arbeit ist ein gesunderhaltender Faktor!
Die Befunde veränderter Arbeitsumwelten sind seit den 1970er Jahren klar. Karasek hatte Ende der 1970er Jahre - im Zuge der ersten «Burnout-Beobachtungen» - das «Job Demand-Control Model» beschrieben. Dieses zentrale Konzept der Arbeitspsychologie erklärt Stress am Arbeitsplatz und legt einen direkten Zusammenhang zwischen dysfunktional hohen Anforderungen und reduzierten individuellen Entscheidungsspielräumen dar.
Wichtig bei der Diskussion um stressbedingte Krankenstände ist: Es gibt (fast) nie die eine Ursache! Sondern dem biopsychosozialen Modell und der Maslow'schen Bedürfnisbetrachtungen folgend, handelt es sich stets um einen Strauss von Faktoren, die sich gegenseitig ungünstig beeinflussen und jemanden als Folge daraus in eine manifeste Erkrankung «rutschen» kann. Zu diesen Faktoren gehören auch individuelle «Vulnerabilitäten» über die berufliche und persönliche Lebensspanne.
Ich rege an, dass wir Frage(n) zu Gesunderhaltung und Krankheitsentwicklungen weniger defizitorientiert – also wie können wir Krankheitsstände verhindern? – sondern ressourcenbezogen stellen: Mich würde demnach viel mehr interessieren, was diejenigen unter den in dieser Frage angesprochenen Lehrkräften, die nicht erkranken «Anders» machen, bei mehr oder weniger gleichen Herausforderungen? Das wäre ein Denkansatz, der lernenden Systemen eher hilft, voneinander zu lernen – auch und gerade in der Stresskompetenz und «verrückenden» Welten. Dass es dabei vorausschauende Führungskräfte und stabil-flexible Arbeitgeber, aber auch selbstkritische Mitarbeitende braucht ist aus einer systemischen Perspektive klar.
Ja! Es braucht Massnahmen, um den so wichtigen LehrerInnen-Beruf wieder positiv zu besetzen. Nein! Es braucht keinen Aktionismus.
Wenn wir klug sind, richten wir unseren Blick in Richtung der nordischen Länder. Sie haben in den vergangenen 30 Jahren vorbildliche Arbeit geleistet, um den LehrerInnen-Beruf attraktiv zu gestalten. Aber nicht nur. Die Nordländer haben es geschafft viele weitere Berufssparten für «Menschen-ArbeiterInnen» positiv und attraktiv darzustellen.
19. April 2026, Dr. med. Marc Risch
FAMH Psychiatrie & Psychotherapie, praktischer Arzt
Stv. Landtagsabgeordneter VU